Donnerstag, 24.11.2005
"Ein Musical der ganz anderen Art ? melancholisch, nostalgisch, jiddisch."
Österreichische Erstaufführung in St. Pölten gefeiert
Die Niederösterreichische Nachrichten schrieben am 23.10.2006:
Nothing but music
Ein Bretterverschlag, ein paar abgeschundene Kisten, davor eine Reihe Koffer. Und: eine Klarinette. Giora Feidman also vergangenen Freitag im St. Pöltener Festspielhaus. Diesmal nicht als Konzertsolist, sondern als Reisender. Durch die Zeit, durch die Welt und durch die Musik. VomSchtetl in Moldawien anno 1903 über den Hafen von Southampton und den Jazzclub in New York bis zum Bürgerbräu in München und dem Nationalmuseum in Bagdad anno 2035. Mehr als ein ganzes Leben ist es, das Regisseur Stephan Barbarino da auf der Bühne erzählt, mit wenig Mitteln, aber viel Emotionen. Großartig das (Klezmer-) Ensemble rund um Klarinette, Mandoline, Akkordeon und Trommeln, überzeugend auch die Akteure. Fazit: Ein Musical der ganz anderen Art ? melancholisch, nostalgisch, jiddisch. ? MF -
Klezmereske Zeitreise
Die Süddeutsche Zeitung schreibt aus Anlaß der Münchner Aufführungen:
Klezmereske Zeitreise
Giora Feidmans Musical ¸¸Nothing but music" hat im Prinzregententheater Premiere
Sie wussten, worauf sie sich einließen. Schließlich macht er kein Hehl daraus. ¸¸Ich gehe nur auf die Bühne, wenn ich mit dem Publikum eine Botschaft teilen kann." Das war die Bedingung. Und ihnen war klar, dass genau damit das ganze Ding erst ins Laufen kommt.
Das war vor mehr als zehn Jahren. Da hockten Stephan Barbarino und Jan Linders in den Hamburger Kammerspielen herum und dachten über ein Stück nach. Bei diesem Nachdenken kam ihnen der Gedanke, dass Giora Feidman genau der Richtige dafür sei. Der war zufällig gerade in Hamburg, kam vorbei, sagte nichts, spielte 20 Minuten lang im Zuschauerraum Klarinette und schloss die Darbietung mit den Worten ¸¸good vibrations". Was einer felsenfest zementierten Zusage gleichkam.
Viele Jahre später sollte dann das Stück Realität werden, das heute und morgen sowie am 12. und 13. Dezember im Prinzregententheater zu sehen ist: ¸¸Nothing but music". Die Idee war, das 20. Jahrhundert entlang der Biographie Feidmans (und darüber hinaus) zu erzählen. Feidman selbst wurde 1936 in Buenos Aires geboren - ein Zufall, weil sein Vater bei der Flucht aus Odessa das billigste von drei Schiffen wählte. Und das fuhr halt nach Argentinien. Dort lernte Feidman Klarinette, spielte im Opernorchester und nahm 1956 eine Einladung des Israel Philharmonic Orchestra an, spielte dort 20 Jahre lang, gründete ein Klezmer-Trio, das weltweit Erfolg hatte, und landete schließlich 1984 bei Peter Zadek, als dieser Joshua Sobols Stück ¸¸Ghetto" als Revue in Hamburg inszenierte. Da war der Bühnen-Feidman, der Theater-Feidman geboren. Und der blieb er bis heute.
Vermutlich gibt es keinen anderen Musikstil auf der Welt, der so sehr mit einer einzigen Person verknüpft ist. Dennoch soll ¸¸Nothing but music" viel mehr erzählen - und tut dies musikalisch insofern, als Swing, Blues, Tango und verschiedene Volksmusiken hier gleichberechtigt neben der ursprünglich im polnischen Schtetl entstandenen jüdischen Klezmer-Musik stehen. Doch Feidman hat auch Tango-Platten eingespielt, auch wenn man ihn dafür in Deutschland kaum kennt. Klezmer-Musiker, Klezmorim genannt, nahmen in ihre Musik ohnehin die Einflüsse der Gegenden auf, in die sie das Schicksal und die Nazis vertrieben hatten. Entsprechend beginnt ¸¸Nothing but music" mit einer Hochzeitsfeier in Osteuropa kurz nach der Jahrhundertwende, der ein Pogrom ein brutales Ende bereitet. Über Southhampton geht es zum Tango nach Buenos Aires, nach New York zum Jazz; aus München wird das gescheiterte Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller erzählt. Über den für (jüdische) Emigranten extrem wichtigen Fluchtpunkt Schanghai gelangt man schließlich nach Tel Aviv. Das Ende ist eine Utopie: Im Bagdad der Zukunft fügt eine Melodie die zerschlagenen Exponate des Nationalmuseums zusammen.
In dieser Reise, die das Stück beschreibt, sind genügend Elemente vorhanden, die man, wären sie nicht legitimiert durch Feidmans Leben und seinen Glauben an die Musik, leicht für Kitsch halten könnte. Andererseits muss man erlebt haben, wie Giora Feidman bei einer Pressekonferenz für das Stück ein Lied spielt (er sagt nicht, er spiele jetzt, er sagt: ¸¸teilt diese Melodie mit mir"), das aus den Nationalhymnen Palästinas, Israels und Deutschland zusammengefügt ist. Da bekommt auf einmal der Kollege von einem hartgesottenen Massenblatt einen ganz weichen Dackelblick.
Das sind diese Momente, die Feidman mit den Worten ¸¸Musik ist die Sprache des Herzens" oder ¸¸werde die negative Energie los, von der wir genug auf unserem Planeten haben" beschreibt. Doch Feidman, so sehr er an der musikalischen Oberfläche einer gewissen Sentimentalität nicht abgeneigt ist, funktioniert auch ganz anders. Spricht darüber, dass er sich in Deutschland zu Hause fühlt, weil er ein Jude ist. ¸¸Auschwitz was not german, it was Nazi." ¸¸Nothing but music" vereint Musiker und Darsteller aus neun Nationen auf der Bühne. Sie gehören drei Religionen an, sind Christen, Moslems, Juden. Auf die Frage, ob er wie Daniel Barenboim mit einem jüdisch-arabischen Orchester in Ramallah auftreten würde, meint er zweierlei. Zum einen, dass er da wohl verhaftet werden würde, weil man nicht durch Israel in das Westjordanland und zurück reisen darf, und dass er Gefängnis für Zeitverschwendung hält. Zum anderen, dass sie eben Barenboim nicht verhaften können (¸¸they can"t take Barenboim"). Dieser sei ein ¸¸angel", oder ein ¸¸engine", so genau ist das nicht zu verstehen. Und bleibt dasselbe: der Motor für einen Prozess gegenseitigen Verstehens, dessen Urheber in der Region wie ein Engel wirken muss.
Und nun stelle man sich dazu Stephan Barbarino vor. Der positiv Verrückte aus Burghausen brachte den Ludwig in Füssen zur Welt, brachte eine weitere Variante des Königs-Musicals im Deutschen Theater unter und ist mit dem Stoff noch nicht am Ende. Und dann spricht er davon, wie er nach Israel reiste, in Tel Aviv so lange intensiv am Stück arbeitete, bis seine Frau anrief. Eine Bombe war in Tel Aviv explodiert, seine Frau wollte wissen, was los ist. Von der Bombe erfuhr Barbarino erst am Telefon. Für ¸¸Nothing but music" hat er sich mit Jan Linders und der Komponistin Ora Bat Chaim insofern etwas Ungewöhnliches ausgedacht, als alle Darsteller sind, die Musiker wie die Sänger. Vielleicht hat er sich aber auch nur von Feidman Zadeks ¸¸Ghetto"-Inszenierung erzählen lassen, aber egal. Barbarinos Begeisterung ist ein ziemlich hinreißendes Pendant zu Feidmans Aussage-Willen. Der Clou ist die Authentizität des Abends, für den Feidman acht Wochen praktisch für umsonst mit den Darstellern arbeitete, als musikalisches und spirituelles Zentrum. Das Stück ist ihm wichtig. Als während des Redens darüber sein Handy klingelt, sagt er auf Deutsch, zornig über die Störung: ¸¸A Scheiß."
EGBERT THOLL
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.269, Dienstag, den 22. November 2005 , Seite 47
Klezmereske Zeitreise
Giora Feidmans Musical ¸¸Nothing but music" hat im Prinzregententheater Premiere
Sie wussten, worauf sie sich einließen. Schließlich macht er kein Hehl daraus. ¸¸Ich gehe nur auf die Bühne, wenn ich mit dem Publikum eine Botschaft teilen kann." Das war die Bedingung. Und ihnen war klar, dass genau damit das ganze Ding erst ins Laufen kommt.
Das war vor mehr als zehn Jahren. Da hockten Stephan Barbarino und Jan Linders in den Hamburger Kammerspielen herum und dachten über ein Stück nach. Bei diesem Nachdenken kam ihnen der Gedanke, dass Giora Feidman genau der Richtige dafür sei. Der war zufällig gerade in Hamburg, kam vorbei, sagte nichts, spielte 20 Minuten lang im Zuschauerraum Klarinette und schloss die Darbietung mit den Worten ¸¸good vibrations". Was einer felsenfest zementierten Zusage gleichkam.
Viele Jahre später sollte dann das Stück Realität werden, das heute und morgen sowie am 12. und 13. Dezember im Prinzregententheater zu sehen ist: ¸¸Nothing but music". Die Idee war, das 20. Jahrhundert entlang der Biographie Feidmans (und darüber hinaus) zu erzählen. Feidman selbst wurde 1936 in Buenos Aires geboren - ein Zufall, weil sein Vater bei der Flucht aus Odessa das billigste von drei Schiffen wählte. Und das fuhr halt nach Argentinien. Dort lernte Feidman Klarinette, spielte im Opernorchester und nahm 1956 eine Einladung des Israel Philharmonic Orchestra an, spielte dort 20 Jahre lang, gründete ein Klezmer-Trio, das weltweit Erfolg hatte, und landete schließlich 1984 bei Peter Zadek, als dieser Joshua Sobols Stück ¸¸Ghetto" als Revue in Hamburg inszenierte. Da war der Bühnen-Feidman, der Theater-Feidman geboren. Und der blieb er bis heute.
Vermutlich gibt es keinen anderen Musikstil auf der Welt, der so sehr mit einer einzigen Person verknüpft ist. Dennoch soll ¸¸Nothing but music" viel mehr erzählen - und tut dies musikalisch insofern, als Swing, Blues, Tango und verschiedene Volksmusiken hier gleichberechtigt neben der ursprünglich im polnischen Schtetl entstandenen jüdischen Klezmer-Musik stehen. Doch Feidman hat auch Tango-Platten eingespielt, auch wenn man ihn dafür in Deutschland kaum kennt. Klezmer-Musiker, Klezmorim genannt, nahmen in ihre Musik ohnehin die Einflüsse der Gegenden auf, in die sie das Schicksal und die Nazis vertrieben hatten. Entsprechend beginnt ¸¸Nothing but music" mit einer Hochzeitsfeier in Osteuropa kurz nach der Jahrhundertwende, der ein Pogrom ein brutales Ende bereitet. Über Southhampton geht es zum Tango nach Buenos Aires, nach New York zum Jazz; aus München wird das gescheiterte Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller erzählt. Über den für (jüdische) Emigranten extrem wichtigen Fluchtpunkt Schanghai gelangt man schließlich nach Tel Aviv. Das Ende ist eine Utopie: Im Bagdad der Zukunft fügt eine Melodie die zerschlagenen Exponate des Nationalmuseums zusammen.
In dieser Reise, die das Stück beschreibt, sind genügend Elemente vorhanden, die man, wären sie nicht legitimiert durch Feidmans Leben und seinen Glauben an die Musik, leicht für Kitsch halten könnte. Andererseits muss man erlebt haben, wie Giora Feidman bei einer Pressekonferenz für das Stück ein Lied spielt (er sagt nicht, er spiele jetzt, er sagt: ¸¸teilt diese Melodie mit mir"), das aus den Nationalhymnen Palästinas, Israels und Deutschland zusammengefügt ist. Da bekommt auf einmal der Kollege von einem hartgesottenen Massenblatt einen ganz weichen Dackelblick.
Das sind diese Momente, die Feidman mit den Worten ¸¸Musik ist die Sprache des Herzens" oder ¸¸werde die negative Energie los, von der wir genug auf unserem Planeten haben" beschreibt. Doch Feidman, so sehr er an der musikalischen Oberfläche einer gewissen Sentimentalität nicht abgeneigt ist, funktioniert auch ganz anders. Spricht darüber, dass er sich in Deutschland zu Hause fühlt, weil er ein Jude ist. ¸¸Auschwitz was not german, it was Nazi." ¸¸Nothing but music" vereint Musiker und Darsteller aus neun Nationen auf der Bühne. Sie gehören drei Religionen an, sind Christen, Moslems, Juden. Auf die Frage, ob er wie Daniel Barenboim mit einem jüdisch-arabischen Orchester in Ramallah auftreten würde, meint er zweierlei. Zum einen, dass er da wohl verhaftet werden würde, weil man nicht durch Israel in das Westjordanland und zurück reisen darf, und dass er Gefängnis für Zeitverschwendung hält. Zum anderen, dass sie eben Barenboim nicht verhaften können (¸¸they can"t take Barenboim"). Dieser sei ein ¸¸angel", oder ein ¸¸engine", so genau ist das nicht zu verstehen. Und bleibt dasselbe: der Motor für einen Prozess gegenseitigen Verstehens, dessen Urheber in der Region wie ein Engel wirken muss.
Und nun stelle man sich dazu Stephan Barbarino vor. Der positiv Verrückte aus Burghausen brachte den Ludwig in Füssen zur Welt, brachte eine weitere Variante des Königs-Musicals im Deutschen Theater unter und ist mit dem Stoff noch nicht am Ende. Und dann spricht er davon, wie er nach Israel reiste, in Tel Aviv so lange intensiv am Stück arbeitete, bis seine Frau anrief. Eine Bombe war in Tel Aviv explodiert, seine Frau wollte wissen, was los ist. Von der Bombe erfuhr Barbarino erst am Telefon. Für ¸¸Nothing but music" hat er sich mit Jan Linders und der Komponistin Ora Bat Chaim insofern etwas Ungewöhnliches ausgedacht, als alle Darsteller sind, die Musiker wie die Sänger. Vielleicht hat er sich aber auch nur von Feidman Zadeks ¸¸Ghetto"-Inszenierung erzählen lassen, aber egal. Barbarinos Begeisterung ist ein ziemlich hinreißendes Pendant zu Feidmans Aussage-Willen. Der Clou ist die Authentizität des Abends, für den Feidman acht Wochen praktisch für umsonst mit den Darstellern arbeitete, als musikalisches und spirituelles Zentrum. Das Stück ist ihm wichtig. Als während des Redens darüber sein Handy klingelt, sagt er auf Deutsch, zornig über die Störung: ¸¸A Scheiß."
EGBERT THOLL
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.269, Dienstag, den 22. November 2005 , Seite 47
Sonntag, 23.10.2005
Das Reiseziel heißt Glück
Die Passauer Neue Presse am 24.11.2005 über die Münchner Aufführung:
Das Reiseziel heißt Glück
?Nothing but Music? in München - Theatralische Wanderung der Klezmer-Musik durch die Welt - Mit Star-Klarinettist Giora Feidman
Die letzte Szene spielt im irakischen Bagdad im 21. Jahrhundert. Die Stadt ist nach den Kriegswirren wieder aufgebaut, Museumsbesucher betrachten den Stein der Stille, auf dem eine alte Schrift steht: Noten. Im Stein der Stille ruht die Musik, die wiederum um die Welt zieht. Es ist eine kleine Melodie aus der Welt der jüdischen Klezmer-Musik.
?Nothing but Music? heißt die theatralische Reise in zehn Bildern mit dem weltbekannten Klarinettisten Giora Feidman, die in der Geschichte der jüdischen Klezmer-Musiker sein eigenes Leben widerspiegelt. Das Stück, uraufgeführt in Luxemburg, hatte am Dienstag Abend im vollbesetzten Münchner Prinzregententheater seine bayerische Premiere.
Selten sieht man ein so gerührtes, aber auch beseeltes Publikum. Es war die sehr emotionale Musik, die von Freudentaumel und Verzweiflung, von Lebenslust und Todesangst erzählt, die die Herzen öffnete - und ein wunderbarer Giora Feidman, der seine Klarinette zärtlich jaulen, trillernd jubilieren und aufbrausend dröhnen lässt. Schnelle Griffe und ausgeprägtes Glissando kennzeichnen sein Spiel, ebenso wie eine ausgeprägte Körpersprache. Giora Feidman beherrscht die Bühne und auch sein Publikum, das er am Ende mit einbezieht. Zur Seite stehen ihm ausdrucksstarke Musiker, die übrigens mit ihm beim Weltmusiktag in Köln vor dem Papst gespielt haben. An erster Stelle ist Enrique Ugarte zu nennen, Akkordeonist aus dem Baskenland, und der türkische Perkussionist Murat Coskun, der besonders bei der Szene Feuersturm auf Bagdad mit verschiedenen Instrumenten beeindruckte.
Idee und Stück stammen von dem Burghauser Regisseur und Musical-Macher Stephan Barbarino, der zusammen mit dem Autor Jan Linders das Stück geschrieben hat. Barbarino führte auch Regie. Er schuf mit einfachster Szenerie - Reisekoffer, die immer wieder verwandelt wurden - bildkräftige Szenerien, die auf Schauplätze wie Buenos Aires, München, Tel Aviv, Berlin und eben Bagdad verwiesen. Stationen der Flucht der Klezmorim. Es ist das ewige Ahasver-Thema. Auch wenn die Welt brennt, heißt das Reiseziel Glück.
[...]
Edith Rabenstein
Das Reiseziel heißt Glück
?Nothing but Music? in München - Theatralische Wanderung der Klezmer-Musik durch die Welt - Mit Star-Klarinettist Giora Feidman
Die letzte Szene spielt im irakischen Bagdad im 21. Jahrhundert. Die Stadt ist nach den Kriegswirren wieder aufgebaut, Museumsbesucher betrachten den Stein der Stille, auf dem eine alte Schrift steht: Noten. Im Stein der Stille ruht die Musik, die wiederum um die Welt zieht. Es ist eine kleine Melodie aus der Welt der jüdischen Klezmer-Musik.
?Nothing but Music? heißt die theatralische Reise in zehn Bildern mit dem weltbekannten Klarinettisten Giora Feidman, die in der Geschichte der jüdischen Klezmer-Musiker sein eigenes Leben widerspiegelt. Das Stück, uraufgeführt in Luxemburg, hatte am Dienstag Abend im vollbesetzten Münchner Prinzregententheater seine bayerische Premiere.
Selten sieht man ein so gerührtes, aber auch beseeltes Publikum. Es war die sehr emotionale Musik, die von Freudentaumel und Verzweiflung, von Lebenslust und Todesangst erzählt, die die Herzen öffnete - und ein wunderbarer Giora Feidman, der seine Klarinette zärtlich jaulen, trillernd jubilieren und aufbrausend dröhnen lässt. Schnelle Griffe und ausgeprägtes Glissando kennzeichnen sein Spiel, ebenso wie eine ausgeprägte Körpersprache. Giora Feidman beherrscht die Bühne und auch sein Publikum, das er am Ende mit einbezieht. Zur Seite stehen ihm ausdrucksstarke Musiker, die übrigens mit ihm beim Weltmusiktag in Köln vor dem Papst gespielt haben. An erster Stelle ist Enrique Ugarte zu nennen, Akkordeonist aus dem Baskenland, und der türkische Perkussionist Murat Coskun, der besonders bei der Szene Feuersturm auf Bagdad mit verschiedenen Instrumenten beeindruckte.
Idee und Stück stammen von dem Burghauser Regisseur und Musical-Macher Stephan Barbarino, der zusammen mit dem Autor Jan Linders das Stück geschrieben hat. Barbarino führte auch Regie. Er schuf mit einfachster Szenerie - Reisekoffer, die immer wieder verwandelt wurden - bildkräftige Szenerien, die auf Schauplätze wie Buenos Aires, München, Tel Aviv, Berlin und eben Bagdad verwiesen. Stationen der Flucht der Klezmorim. Es ist das ewige Ahasver-Thema. Auch wenn die Welt brennt, heißt das Reiseziel Glück.
[...]
Edith Rabenstein
Donnerstag, 18.08.2005
Die NOTHING BUT MUSIC Band beim Weltjugendtag
NOTHING BUT MUSIC FÜR DEN PAPST
Für die Vigil-Feier am Samstag, 20. August auf dem Kölner Marienfeld hat sich Papst Benedikt Musik von Giora Feidman gewünscht. Der jüdische Klezmer-Klarinettist wird ihm diesen Wunsch zusammen mit seinem Nothing But Music Sextett und der Sopranistin Montserrat Marti erfüllen. Der Papst und die Millionen Zuhörer vor Ort und in der ganzen Welt werden Melodien christlicher und jüdischer Herkunft hören, die eine Botschaft eint: Weil Menschen zusammen musizieren können, ist Versöhnung möglich.
Die Musik stammt zum Großteil aus Feidmans Stück ?Nothing But Music?, mit dem er zur Zeit auf Europa-Tournee ist. Mit Schauspielern und Musikern aus drei Kulturkreisen, dem christlichen, dem jüdischen und dem islamischen, erzählt er darin in acht Szenen seine Botschaft von der universalen Kraft der Musik. Mit der Sopranistin Montserrat Marti, der Tochter von Montserrat Caballé, wird er u.a. den Hit ?Prayer to the World? von Vangelis spielen. Im Anschluss an das Konzert wird Feidman die Vigil des Papstes mit meditativen Zwischenspielen begleiten.
Der Auftritt Feidmans und der Nothing But Music Band wird im Rahmen der Vigil-Feier von Fernsehstationen in aller Welt live übertragen.
Musiker:
Giora Feidman, Klarinette (Israel)
Montserrat Marti, Sopran (Spanien)
Nothing But Music Band:
Avi Avital, Mandoline (Israel)
Murat Coskun, Percussion (Türkei)
Guido Jäger, Kontrabass (Deutschland)
Jens Uwe Popp, Gitarre (Deutschland)
Enrique Ugarte, Akkordeon (Spanien)
Musikwerke: (Änderungen vorbehalten)
1. Shalom Alechjem
2. Freilach (aus Nothing But Musik)
3. Giora singt mit dem Publikum eine Note
4. Leitmelodie (Ora Bat Chaim, aus Nothing But Music)
5. Ave Maria (Franz Schubert)
6. Languet anima mea (Francesco Bartolomeo Conti)
7. Prayer to the World (Vangelis)
8. Hymnen-Medley (Israel, Palästina, Deutschland)
9. Medley aus Kirchenliedern:
a. Lobet den Herren
b. Wie schön leuchtet der Morgenstern
c. Und danket alle Gott mit Herzen
10. Hava Nagila
11. Freilach (aus Nothing But Music)
12. Shalom Chaverim und / oder Old Man River
während der Vigil-Feier:
Ave Maria (Franz Schubert)
(Giora Feidman solo)
Dienstag, 14.06.2005
Der Sieg der Musik
Jüdisches Europa
Heft 2/2005, S.5-6
Luxembourg feiert Feidman
?Nothing but Music?
Lang anhaltende Standing Ovations und Zwischenapplause sind im Grand Theatre von Luxembourg selten. Diesmal jedoch war das verwöhnte Publikum restlos begeistert. Stephan Barbarino und Jan Linders haben ein Theaterstück geschrieben, zu dem sie das Leben und die Vielseitigkeit Giora Feidmans inspirierte. Die Musik schrieb Ora Bat Chaim. Nicht versteckt im Orchestergraben, sondern eingebunden ins Geschehen auf der Bühne sind die Musiker. Star des Auftritts jedoch ist Giora Feidman, der nicht nur auf der Klarinette spielt, sondern, das ist neu, auch als Schauspieler auftritt. Miryam Gümbel war bei der Europa-Premiere dabei.
Ein ungewohnter Auftakt für eine Veranstaltung mit Giora Feidman. Er sitzt versunken und nachdenklich auf der Bühne. Dann aber lacht er, springt auf und spielt auf seiner Klarinette eine Melodie.
Doch es sind leise Töne. Es ist nicht so recht der vertraute Klezmerspieler. Um ihn herum taucht langsam das Bild des längst der Vergangenheit angehörenden jiddischen Schtetl auf, irgendwo in Osteuropa. Eine Hochzeitsszene beginnt, doch sie endet nicht fröhlich, sondern mit einem Steinwurf, der ein Pogrom signalisiert. Mittendrin Giora Feidman, diesmal Schauspieler und Musiker in einem.
Giora Feidman ? bei diesem Namen geraten viele ins Schwärmen. Der agile, freundliche Klarinettist, der mit seinen Melodien die Menschen bezaubert, weckt mit seinen Klezmerweisen nostalgische Gefühle, die häufig zu leicht vergessen lassen, dass eben diese Lieder aus einer nicht versunkenen, sondern weitestgehend vernichteten Welt des osteuropäischen Judentums stammen.
Seine Vielseitigkeit, aber auch sein Lebensweg, haben den Theatermacher Stephan Barbarino zu einem Stück animiert, das sich ? ausgehend vom Schicksal Giora Feidmans und mit ihm als Haupotdarsteller auf der Bühne ?. mehr als einem Jahrhundert jüdischen Lebens widmet. Es zeigt die schönen Momente ebenso auf wie die traurigen, Lebensfreude ebenso wie Vernichtung, Geburt ebenso wie Tod. doch es wäre nicht das jüdische Volk, das mit Mittelpunkt steht, wenn es da nicht die Hoffnung gäbe. Hoffnung, wie sie schon das Thema der israelischen Nationalhymne ist, Hatikwa eben.
?Eine theatralische Weltreise? lautetet der Untertitel. Doch die Stationen von Kischinow bis Bagdad sind eher eine nachdenkliche Zeitreise. Die Botschaft, die die musikalischen Bildergeschichten aus hundert Jahren Vergangenheit und einer Zukunftsvision erzählen will, fasste Feidman im Gespräch während der Proben in wenigen Worten zusammen: ?Musik repräsentiert Einheit und Frieden. Sie zeigt dir einen Platz auch in den schlimmsten Momenten des Lebens. Und sie zeigt dir das ganze Potenzial des Lebens auf.? Es ist der Sieg der Musik über menschliche Unzulänglichkeiten und Grausamkeiten.
Feidman zeigt sich hier als vielseitiger Musiker, er spielt Tango, Blues, Jazz ? und seine Klarinette von Ganoven beraubt ? er singt sogar, einen Klassiker seines Geburtslandes Argentinien. Er wird nicht nur dafür von dem sonst eher als zurückhaltend bekannten Publikum des Grand Theatre in Luxemburg, in dem die Premiere stattfand, stürmisch auch mit Szenenapplaus immer wieder gefeiert.
Umso größer dann der Schock nach der Pause. Nur mühsam und nicht immer erfolgreich werden Schreckensschreie im Publikum unterdrückt. Nazi-Flaggen auf der Bühne. Und ganz leise gesummt erklingt eine Version des Horst-Wessel-Liedes. Ein Dialog zwischen einem fiktiven Hitler-Attentäter und seiner Freundin ruft das Wissen um die Verbrechen des Dritten Reiches und die Legitimation des bewaffneten Widerstandes ins Bewusstsein.
Über Shanghai und Tel Aviv führt die nachdenkliche musikalische Zeitreise dann in die Zukunft: Bagdad 2035, Frieden ist dort eingekehrt, mancher Museumsschatz konnte gerettet werden. Forscher suchen die Inschrift auf einem geborstenen Stein zu enträtseln ? es ist der Stein, der die ganze Zeit über auf der Bühne gelegen hatte, seit er mit dem Auftakt zum Pogrom geborsten war. Giora Feidman löst das Rätsel, er liest und spielt aus ihm seine Melodie, die das ganze Stück von Anbeginn durchzogen hat. Das Ziel Frieden ist in der Musik erreicht.
Tosender Applaus und Standing Ovations in Luxemburg. Die Verbindung von Musik und politischer Aussage beeindruckt. Mit den Worten Barbarinos: ?Wenn 60 Jahre nach Kriegsende junge und alte Musiker und Schauspieler aus neun Ländern und drei Religionen zusammenkommen und nicht das Trennende, sondern die gemeinsame Heimat in der Musik betonen, dann ist das die politischste Aussage, die ich mir denken kann.? Dass diese Aussage so sehr ins Herz trifft, das bewirkt der Mensch Giora Feidman, dessen Persönlichkeit weit über die Bühne hinausstrahlt.
Miryam Gümbel
Montag, 16.05.2005
"Giora Feidman messager de la paix"
D?Wort, 9.5.2005 / Kultur [Übersetzung aus dem Französischen]
Marie-Laure Rolland
Giora Feidman, Friedensbote
Der Klarinettist begeisterte das Publikum in einem Stück, das sein Leben inszeniert
Giora Feidman und die Gruppe von Schauspielern und Musikern, die nach Luxemburg gekommen waren, um die vom Grand Théâtre koproduzierte Uraufführung ?Nothing But Music? zu präsentieren, feierten Freitag Abend zu Recht einen veritablen Triumph. Ihnen ist es offensichtlich gelungen, ihre universale Botschaft von der friedensstiftenden Kraft der Musik zu übermitteln, an diesem Wochenende, da man überall den sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes feierte. Der Saal beging das Finale stehend und singend, unter der Führung des außergewöhnlichen Klarinettisten für den die Musik der Weg zur Brüderlichkeit der Menschen ist.
?Nothing But Music? erzählt das Epos der Klezmorim, jener Wandermusiker aus Osteuropa, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor Pogromen fliehen mussten. In ihrem Gepäck trugen sie ihr Heimweh und ihre Hoffnungen mit sich, aber auch die jüdische Volksmusik, den Klezmer, der Feidman ihren Adelsbrief zurückzugeben wusste. So dachten die Autoren des Stücks, Stephan Barbarino und Jan Linders, natürlich an ihn, um das Wanderleben der Juden im letzten Jahrhundert nachzuzeichnen.
Im Stück ist Giora Feidman der rote Faden, dem wir folgen und der uns von Kischinow nach Southampton, Buenos Aires, München, Shanghai, Tel Aviv und Bagdad bringt. Zu Späßen aufgelegter Zeuge und Komplize, führt er uns mit dem Klang seiner Klarinette, aber manchmal auch als Sänger, was eine große Premiere ist. Durch die Kontinente und Zeitalter lässt er uns vibrieren im Rhythmus der Freudenschreie und Tränen der Männer und Frauen, die die Ozeane überquerten, weil sie das Böse und den Hass in der Hoffnung auf ein besseres Leben fliehen mussten.
Dank des ingeniösen Bühnenbilds, zusammengesetzt aus zwei großen Schränken und einer Menge kleinerer Kisten aus rohem Holz, springen wir Zuschauer nach einem Blackout und einem Themenwechsel von einem Saal der Hochzeitsfeier an einen Dampfschiff-Kai, von einem südamerikanischen Cabaret in einen New Yorker Jazzclub, von einer bayerischen Brauerei in einen chinesischen Garten. Auf jeder Etappe bereichert sich die Musik an ihren Begegnungen. Bald jazzig, bald Tango, wird sie die universale Sprache, das verbindende Glied zwischen all den Individuen, die das Schicksal in Welten geworfen hat, die sie nicht immer verstehen.
[...]
Dies gesagt, behält man von der Inszenierung die ansteckende Freude einer Gruppe von Schauspielern und Musikern aus allen Weltgegenden und Kulturen, die auf der Bühne Zeugnis ablegen von ihrem Ideal der Brüderschaft. Ebenso merkt man sich die Freiheit der Musik von Ora Bat Chaim, dieser israelischen Komponistin, die nicht zögert, in einer Melodie die israelische und die deutsche Nationalhymne zu verschmelzen, mit dem Einverständnis von Giora Feidman. Schließlich erinnert man sich an die Präsenz eines kleinen, schmächtigen Mannes, der fähig war, das Luxemburger Publikum zu magnetisieren, das ja oft nur lauwarm reagiert, bis es laut mitsang zum Klang des Instruments, von dem er gern sagt, es sei das Mikrofon seiner Seele.
Marie-Laure Rolland
Giora Feidman, Friedensbote
Der Klarinettist begeisterte das Publikum in einem Stück, das sein Leben inszeniert
Giora Feidman und die Gruppe von Schauspielern und Musikern, die nach Luxemburg gekommen waren, um die vom Grand Théâtre koproduzierte Uraufführung ?Nothing But Music? zu präsentieren, feierten Freitag Abend zu Recht einen veritablen Triumph. Ihnen ist es offensichtlich gelungen, ihre universale Botschaft von der friedensstiftenden Kraft der Musik zu übermitteln, an diesem Wochenende, da man überall den sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes feierte. Der Saal beging das Finale stehend und singend, unter der Führung des außergewöhnlichen Klarinettisten für den die Musik der Weg zur Brüderlichkeit der Menschen ist.
?Nothing But Music? erzählt das Epos der Klezmorim, jener Wandermusiker aus Osteuropa, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor Pogromen fliehen mussten. In ihrem Gepäck trugen sie ihr Heimweh und ihre Hoffnungen mit sich, aber auch die jüdische Volksmusik, den Klezmer, der Feidman ihren Adelsbrief zurückzugeben wusste. So dachten die Autoren des Stücks, Stephan Barbarino und Jan Linders, natürlich an ihn, um das Wanderleben der Juden im letzten Jahrhundert nachzuzeichnen.
Im Stück ist Giora Feidman der rote Faden, dem wir folgen und der uns von Kischinow nach Southampton, Buenos Aires, München, Shanghai, Tel Aviv und Bagdad bringt. Zu Späßen aufgelegter Zeuge und Komplize, führt er uns mit dem Klang seiner Klarinette, aber manchmal auch als Sänger, was eine große Premiere ist. Durch die Kontinente und Zeitalter lässt er uns vibrieren im Rhythmus der Freudenschreie und Tränen der Männer und Frauen, die die Ozeane überquerten, weil sie das Böse und den Hass in der Hoffnung auf ein besseres Leben fliehen mussten.
Dank des ingeniösen Bühnenbilds, zusammengesetzt aus zwei großen Schränken und einer Menge kleinerer Kisten aus rohem Holz, springen wir Zuschauer nach einem Blackout und einem Themenwechsel von einem Saal der Hochzeitsfeier an einen Dampfschiff-Kai, von einem südamerikanischen Cabaret in einen New Yorker Jazzclub, von einer bayerischen Brauerei in einen chinesischen Garten. Auf jeder Etappe bereichert sich die Musik an ihren Begegnungen. Bald jazzig, bald Tango, wird sie die universale Sprache, das verbindende Glied zwischen all den Individuen, die das Schicksal in Welten geworfen hat, die sie nicht immer verstehen.
[...]
Dies gesagt, behält man von der Inszenierung die ansteckende Freude einer Gruppe von Schauspielern und Musikern aus allen Weltgegenden und Kulturen, die auf der Bühne Zeugnis ablegen von ihrem Ideal der Brüderschaft. Ebenso merkt man sich die Freiheit der Musik von Ora Bat Chaim, dieser israelischen Komponistin, die nicht zögert, in einer Melodie die israelische und die deutsche Nationalhymne zu verschmelzen, mit dem Einverständnis von Giora Feidman. Schließlich erinnert man sich an die Präsenz eines kleinen, schmächtigen Mannes, der fähig war, das Luxemburger Publikum zu magnetisieren, das ja oft nur lauwarm reagiert, bis es laut mitsang zum Klang des Instruments, von dem er gern sagt, es sei das Mikrofon seiner Seele.
Dienstag, 10.05.2005
dpa schreibt...
08-MAI-05 12:04
Giora Feidman begeistert mit seinem Lebens-Werk
Von Birgit Reichert, dpa

Luxemburg (dpa) - Mit seiner Klarinette nimmt Giora Feidman sein
Publikum mit auf eine Reise. Es ist die Reise seines Lebens, die ihn
von Buenos Aires über Israel und New York nach Deutschland führt. Es
bedarf nur weniger Worte in Feidmans ganz persönlichem Stück «Nothing
But Music», es ist seine Musik, es ist die Klarinette, die die
eigentliche Geschichte eindrucksvoll erzählt. Zwischen Klezmer und
Tango, Jazz und Blues gelingt es dem jüdischen Klarinettenvirtuosen,
die ganze Breite menschlicher Gefühle wiederzugeben - besser als es
Sprache kann. «Nothing But Music» ist am Freitagabend im Grand
Theatre in Luxemburg uraufgeführt worden. Die begeisterten Zuschauer
feierten den 69-Jährigen mit minutenlangem Applaus und Bravo-Rufen.
«Die Klarinette ist das Mikrofon meiner Seele. Musik bleibt
bestehen», sagte Feidman, der als einer der größten Stars der wieder
entdeckten osteuropäischen Klezmer-Musik gilt. Das einzige, das ihn
sein Leben lang begleitet und ihm einen Lebenssinn gegeben hat, ist
die Musik. «Unsere Heimat ist nichts als Musik», meint der
Wandermusiker, der 1936 als Kind jüdischer Emigranten in Buenos Aires
geboren wurde. Passend zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa
erzählt Feidman mit fünf Musikern und acht Schauspielern in zehn
Bildern eine typisch jüdische Geschichte, die geprägt ist von Angst
und Sehnsucht, Abschied und Hoffnung.

Alles beginnt bei seinen Eltern im früheren Bessarabien, dem
heutigen Moldawien. Es wird ausgelassen Hochzeit gefeiert, mit
übermütigem Tanz und Gesang, bis plötzlich die Pogrome der Freude ein
Ende machen. Rauch steigt auf, die Koffer werden gepackt. «Mein Herz
brennt, die Heimat kommt nicht zurück.» Zweite Station ist der Hafen
von Southampton, in dem Auswanderer von der großen Freiheit in den
USA träumen. Eine Abschied einer Tochter von ihrem Vater treibt
Tränen in die Augen: «Ich bleib ein Teil von Dir, auch wenn uns das
Weltmeer trennt.»

Dann der Neuanfang in Argentinien, den Feidmans Eltern auf der
Flucht vor den Pogromen machen mussten. Ein Leben voller
südamerikanischer Rhythmen - und endlich Liebe. Feidman legt seine
Klarinette beiseite und singt zum ersten Mal in seiner Karriere auf
der Bühne. Es ist ein spanisches Liebeslied. Auch auf seiner Station
in New York singt Feidman, dieses Mal einen Blues.

Es ist die eigene Begeisterung, mit der Feidman auf der Bühne
spielt, die die Zuschauer ansteckt, die sie sogar zum Mitsummen
bewegt. Kein Wunder, denn mit «Nothing But Music» ist für den «King
of Klezmer» nach Aussage von Produzent Thomas Petz selbst ein
«Lebenstraum» in Erfüllung gegangen. Seit Jahren schon habe Feidman
sein Leben auf die Bühne bringen wollen.

Den ersten Musikunterricht erhielt Feidman von seinem Vater.
Später studierte er klassische Klarinette am Konservatorium der
argentinischen Hauptstadt. 1956 ging der Musiker auf Einladung des
Philharmonic Orchestra nach Israel «zurück» und spielte 20 Jahre lang
als Bassklarinettist im Orchester. Heute ist Feidman als Solist in
Symphonieorchestern, Kammermusikensembles, Opern und mit seinem
eigenen Trio und Quartett zu hören.
«Nothing But Music» wird noch in Zürich, Bonn und München zu sehen
sein. Die deutsche Erstaufführung ist am 28. Juni in Bonn.
dpa rt yyrs mm
081204 Mai 05

Photo: Philippe Hurlin
Giora Feidman begeistert mit seinem Lebens-Werk
Von Birgit Reichert, dpa
Luxemburg (dpa) - Mit seiner Klarinette nimmt Giora Feidman sein
Publikum mit auf eine Reise. Es ist die Reise seines Lebens, die ihn
von Buenos Aires über Israel und New York nach Deutschland führt. Es
bedarf nur weniger Worte in Feidmans ganz persönlichem Stück «Nothing
But Music», es ist seine Musik, es ist die Klarinette, die die
eigentliche Geschichte eindrucksvoll erzählt. Zwischen Klezmer und
Tango, Jazz und Blues gelingt es dem jüdischen Klarinettenvirtuosen,
die ganze Breite menschlicher Gefühle wiederzugeben - besser als es
Sprache kann. «Nothing But Music» ist am Freitagabend im Grand
Theatre in Luxemburg uraufgeführt worden. Die begeisterten Zuschauer
feierten den 69-Jährigen mit minutenlangem Applaus und Bravo-Rufen.
«Die Klarinette ist das Mikrofon meiner Seele. Musik bleibt
bestehen», sagte Feidman, der als einer der größten Stars der wieder
entdeckten osteuropäischen Klezmer-Musik gilt. Das einzige, das ihn
sein Leben lang begleitet und ihm einen Lebenssinn gegeben hat, ist
die Musik. «Unsere Heimat ist nichts als Musik», meint der
Wandermusiker, der 1936 als Kind jüdischer Emigranten in Buenos Aires
geboren wurde. Passend zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa
erzählt Feidman mit fünf Musikern und acht Schauspielern in zehn
Bildern eine typisch jüdische Geschichte, die geprägt ist von Angst
und Sehnsucht, Abschied und Hoffnung.
Alles beginnt bei seinen Eltern im früheren Bessarabien, dem
heutigen Moldawien. Es wird ausgelassen Hochzeit gefeiert, mit
übermütigem Tanz und Gesang, bis plötzlich die Pogrome der Freude ein
Ende machen. Rauch steigt auf, die Koffer werden gepackt. «Mein Herz
brennt, die Heimat kommt nicht zurück.» Zweite Station ist der Hafen
von Southampton, in dem Auswanderer von der großen Freiheit in den
USA träumen. Eine Abschied einer Tochter von ihrem Vater treibt
Tränen in die Augen: «Ich bleib ein Teil von Dir, auch wenn uns das
Weltmeer trennt.»
Dann der Neuanfang in Argentinien, den Feidmans Eltern auf der
Flucht vor den Pogromen machen mussten. Ein Leben voller
südamerikanischer Rhythmen - und endlich Liebe. Feidman legt seine
Klarinette beiseite und singt zum ersten Mal in seiner Karriere auf
der Bühne. Es ist ein spanisches Liebeslied. Auch auf seiner Station
in New York singt Feidman, dieses Mal einen Blues.
Es ist die eigene Begeisterung, mit der Feidman auf der Bühne
spielt, die die Zuschauer ansteckt, die sie sogar zum Mitsummen
bewegt. Kein Wunder, denn mit «Nothing But Music» ist für den «King
of Klezmer» nach Aussage von Produzent Thomas Petz selbst ein
«Lebenstraum» in Erfüllung gegangen. Seit Jahren schon habe Feidman
sein Leben auf die Bühne bringen wollen.
Den ersten Musikunterricht erhielt Feidman von seinem Vater.
Später studierte er klassische Klarinette am Konservatorium der
argentinischen Hauptstadt. 1956 ging der Musiker auf Einladung des
Philharmonic Orchestra nach Israel «zurück» und spielte 20 Jahre lang
als Bassklarinettist im Orchester. Heute ist Feidman als Solist in
Symphonieorchestern, Kammermusikensembles, Opern und mit seinem
eigenen Trio und Quartett zu hören.
«Nothing But Music» wird noch in Zürich, Bonn und München zu sehen
sein. Die deutsche Erstaufführung ist am 28. Juni in Bonn.
dpa rt yyrs mm
081204 Mai 05
Photo: Philippe Hurlin
Die Autoren im Gespräch
?Die Musik ist die Hauptdarstellerin?
Stephan Barbarino (SB) und Jan Linders (JL) über ihr Stück NOTHING BUT MUSIC. Die Fragen stellte Andreas Odenwald (AO)

Foto: Regine Heiland
AO: Um welches Genre handelt es sich bei Ihrem Stück? Es ist weder Oper noch Musical. Es ist keine Show. Ist es Schauspiel mit Musik? Tanztheater?
SB: Die Frage ist tatsächlich nicht ganz leicht zu beantworten, weil Musik und Musiker in unserem Stück eine größere Rolle spielen als im Theater üblich.
JL: Die Musik begleitet oder illustriert nicht; sie hat die Hauptrolle, wie der Titel ja auch nahelegt.
SB: Und sie besticht, was auch sehr ungewöhnlich ist, durch eine enorme Bandbreite: Wir gehen von osteuropäischer Volksmusik über Tango, Jazz und bayerischer Blasmusik zu chinesischen Klängen, Nationalhymnen, Klassik und schließlich zu arabischer Musik.
AO: Es fällt auf, daß die Musiker hier ganz anders agieren, als man das gewohnt ist. Manchmal fragt man sich: Sind das musizierende Schauspieler oder schauspielernde Musiker?
JL: Wir verstehen dies als eine neue Form des musikalischen Theaters: Musiker sind Darsteller. Sie sind permanent auf der Bühne. Sie sitzen nicht musizierend im Graben. Sie tragen die Handlung mit.
AO: Wenn die Musik die Hauptrolle spielt und die Musiker ihr gewissermaßen den theatralischen Atem einhauchen, welche Rolle spielt dann der Begriff Klezmer?
SB: Wir haben von Giora Feidman gelernt, daß Klezmer vor allem ein Lebensgefühl ist. In NOTHING BUT MUSIC steht Klezmer für die Zerrissenheit unseres neuen Jahrhunderts: die Menschheit auf Wanderschaft, auf der Suche nach der verlorenen Heimat, unterwegs in eine ungewisse Zukunft.
JL: Klezmer, das sind Trauer und Freude in einem Takt, Jubel und Tränen unmittelbar nebeneinander.
SB: Insofern ist Klezmer, wenn ich das mal so plakativ sagen darf, der Sound des 21. Jahrhunderts.
AO: Aber die Handlung ist doch im 20. Jahrhundert angesiedelt...
JL:...das man ja durchaus als zerrissen bezeichnen kann.
SB Unsere Botschaft ? das Wort benutze ich ungern in der Kunst, aber mir fällt gerade kein besseres ein ?ist im Grunde genommen zeitlos und einfach.
AO: Mit Musik geht alles besser?
JL: Im Prinzip ist es das: Wir Menschen können unsere Zerrissenheit nur durch Kommunikation überwinden, und Musik ist die einzige wahre und allgemeine Menschensprache, wie Schopenhauer gesagt hat. Es gibt ja auch das schöne Sprichwort, das dadurch nicht an Wert verliert, daß es in jedem zweiten Abreißkalender steht: ?Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen habe keine Lieder.? Wir unterziehen dieses Sprichwort einer szenischen Überprüfung.
SB: Musik ist das Gedächtnis der Menschheit. Musik ist reiner Ausdruck, sagt Giora, nämlich Ausdruck des Nichts. Nichts als Musik.
AO: Wie haben Sie die Dramaturgie und die Szenen von NOTHING BUT MUSIC erarbeitet? Und wie hat sich die Musik von Ora Bat Chaim in dieses Konzept gefügt?
SB: Wir haben schon vor über 10 Jahren ein Theaterstück mit Giora gemacht und verabredet, daß wir wieder zusammenarbeiten wollen. Giora will schon seit langem wieder auf die Theaterbühne, nicht als Solist wie in seinen Konzerten, sondern als Teil eines Gesamtkunstwerks von Bühnenbild, Kostümen, Schauspiel, Tanz und eben auch Musik
JL: Immer, wenn wir Giora getroffen haben, hat er neue Geschichten aus seinem Leben erzählt: von seiner Kindheit in Argentinien, seiner Auswanderung nach Israel, seiner Zeit in New York, seinem Erfolg als Jude in Deutschland. Schließlich haben wir auch nach der Geschichte seiner Eltern gefragt, die zu Beginn des Jahrhunderts aus Kischinow nach Buenos Aires emigriert sind.
SB: Alle diese Lebensstationen, vom Schtetl bis heute, haben Giora musikalisch geprägt. Und so haben wir eine Folge von acht Szenen erfunden, in sich abgeschlossene kleine Dramen, durch die sechs Musiker und acht Schauspieler ziehen.
AO: Gibt es denn so etwas wie einen roten Faden?
SB: Ja, eine Melodie, die im Schtetl zum ersten Mal auftaucht, und die sich verwandelt.
JL: Die Melodie ist von Ora Bat Chaim, einer israelische Komponistin, die für Giora schon mehr als 400 Melodien erfunden hat. Einige der schönsten haben wir gemeinsam ausgesucht und als Tango, als Blues, als Song arrangieren lassen
AO: Hat Giora Feidman in diesen Schaffensprozeß aktiv eingegriffen oder sich von Ihnen führen lassen?
SB: Für uns als Autoren und Regieteam ist Giora ein wunderbarer Partner. Er bringt nicht nur seine Person zur Gänze in das Projekt ein, sondern auch seine erstaunliche Energie. Wenn alle erschöpft sind, dann bringt er mit ein paar Witzen oder Melodien wieder Schwung in die Proben.
JL: Er weiß unglaublich viel über die Sprache des Theaters, über Bühnenwirksamkeit, obwohl er nicht oft als Darsteller auf der Bühne gestanden hat Aber er ist auch bereit, gemeinsam Neuland zu betreten. Zum Beispiel wird er bei uns zum ersten Mal öffentlich singen, ein Liebeslied aus seiner argentinischen Heimat.
AO: Von den wirklich fesselnden historischen Handlungssträngen einmal abgesehen ? wie politisch ist NOTHING BUT MUSIC?
JL: Politisch sind wir insofern, daß wir uns nicht ins Private zurückziehen, sondern große Themen der letzten hundert Jahre auf die Bühne holen. Wir zeigen Pogrom, Flucht, Vertreibung, Exil, wir spielen mit einem gescheiterten Attentat auf Hitler und dem Sechstagekrieg. Und wir enden mit einer Utopie ? dem Wiederaufbau des geplünderten Museums in Bagdad.
SB: Wenn 60 Jahre nach Kriegsende junge und alte Musiker und Schauspieler aus neun Ländern und drei Religionen in Mitteleuropa zusammenkommen, um in einem theatralischen Entwurf nicht das Trennende, nicht das Böse, nicht das Destruktive, sondern die gemeinsame Heimat in der Musik zu betonen ? dann ist das die politischste Aussage, die ich mir denken kann.
Stephan Barbarino (SB) und Jan Linders (JL) über ihr Stück NOTHING BUT MUSIC. Die Fragen stellte Andreas Odenwald (AO)

Foto: Regine Heiland
AO: Um welches Genre handelt es sich bei Ihrem Stück? Es ist weder Oper noch Musical. Es ist keine Show. Ist es Schauspiel mit Musik? Tanztheater?
SB: Die Frage ist tatsächlich nicht ganz leicht zu beantworten, weil Musik und Musiker in unserem Stück eine größere Rolle spielen als im Theater üblich.
JL: Die Musik begleitet oder illustriert nicht; sie hat die Hauptrolle, wie der Titel ja auch nahelegt.
SB: Und sie besticht, was auch sehr ungewöhnlich ist, durch eine enorme Bandbreite: Wir gehen von osteuropäischer Volksmusik über Tango, Jazz und bayerischer Blasmusik zu chinesischen Klängen, Nationalhymnen, Klassik und schließlich zu arabischer Musik.
AO: Es fällt auf, daß die Musiker hier ganz anders agieren, als man das gewohnt ist. Manchmal fragt man sich: Sind das musizierende Schauspieler oder schauspielernde Musiker?
JL: Wir verstehen dies als eine neue Form des musikalischen Theaters: Musiker sind Darsteller. Sie sind permanent auf der Bühne. Sie sitzen nicht musizierend im Graben. Sie tragen die Handlung mit.
AO: Wenn die Musik die Hauptrolle spielt und die Musiker ihr gewissermaßen den theatralischen Atem einhauchen, welche Rolle spielt dann der Begriff Klezmer?
SB: Wir haben von Giora Feidman gelernt, daß Klezmer vor allem ein Lebensgefühl ist. In NOTHING BUT MUSIC steht Klezmer für die Zerrissenheit unseres neuen Jahrhunderts: die Menschheit auf Wanderschaft, auf der Suche nach der verlorenen Heimat, unterwegs in eine ungewisse Zukunft.
JL: Klezmer, das sind Trauer und Freude in einem Takt, Jubel und Tränen unmittelbar nebeneinander.
SB: Insofern ist Klezmer, wenn ich das mal so plakativ sagen darf, der Sound des 21. Jahrhunderts.
AO: Aber die Handlung ist doch im 20. Jahrhundert angesiedelt...
JL:...das man ja durchaus als zerrissen bezeichnen kann.
SB Unsere Botschaft ? das Wort benutze ich ungern in der Kunst, aber mir fällt gerade kein besseres ein ?ist im Grunde genommen zeitlos und einfach.
AO: Mit Musik geht alles besser?
JL: Im Prinzip ist es das: Wir Menschen können unsere Zerrissenheit nur durch Kommunikation überwinden, und Musik ist die einzige wahre und allgemeine Menschensprache, wie Schopenhauer gesagt hat. Es gibt ja auch das schöne Sprichwort, das dadurch nicht an Wert verliert, daß es in jedem zweiten Abreißkalender steht: ?Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen habe keine Lieder.? Wir unterziehen dieses Sprichwort einer szenischen Überprüfung.
SB: Musik ist das Gedächtnis der Menschheit. Musik ist reiner Ausdruck, sagt Giora, nämlich Ausdruck des Nichts. Nichts als Musik.
AO: Wie haben Sie die Dramaturgie und die Szenen von NOTHING BUT MUSIC erarbeitet? Und wie hat sich die Musik von Ora Bat Chaim in dieses Konzept gefügt?
SB: Wir haben schon vor über 10 Jahren ein Theaterstück mit Giora gemacht und verabredet, daß wir wieder zusammenarbeiten wollen. Giora will schon seit langem wieder auf die Theaterbühne, nicht als Solist wie in seinen Konzerten, sondern als Teil eines Gesamtkunstwerks von Bühnenbild, Kostümen, Schauspiel, Tanz und eben auch Musik
JL: Immer, wenn wir Giora getroffen haben, hat er neue Geschichten aus seinem Leben erzählt: von seiner Kindheit in Argentinien, seiner Auswanderung nach Israel, seiner Zeit in New York, seinem Erfolg als Jude in Deutschland. Schließlich haben wir auch nach der Geschichte seiner Eltern gefragt, die zu Beginn des Jahrhunderts aus Kischinow nach Buenos Aires emigriert sind.
SB: Alle diese Lebensstationen, vom Schtetl bis heute, haben Giora musikalisch geprägt. Und so haben wir eine Folge von acht Szenen erfunden, in sich abgeschlossene kleine Dramen, durch die sechs Musiker und acht Schauspieler ziehen.
AO: Gibt es denn so etwas wie einen roten Faden?
SB: Ja, eine Melodie, die im Schtetl zum ersten Mal auftaucht, und die sich verwandelt.
JL: Die Melodie ist von Ora Bat Chaim, einer israelische Komponistin, die für Giora schon mehr als 400 Melodien erfunden hat. Einige der schönsten haben wir gemeinsam ausgesucht und als Tango, als Blues, als Song arrangieren lassen
AO: Hat Giora Feidman in diesen Schaffensprozeß aktiv eingegriffen oder sich von Ihnen führen lassen?
SB: Für uns als Autoren und Regieteam ist Giora ein wunderbarer Partner. Er bringt nicht nur seine Person zur Gänze in das Projekt ein, sondern auch seine erstaunliche Energie. Wenn alle erschöpft sind, dann bringt er mit ein paar Witzen oder Melodien wieder Schwung in die Proben.
JL: Er weiß unglaublich viel über die Sprache des Theaters, über Bühnenwirksamkeit, obwohl er nicht oft als Darsteller auf der Bühne gestanden hat Aber er ist auch bereit, gemeinsam Neuland zu betreten. Zum Beispiel wird er bei uns zum ersten Mal öffentlich singen, ein Liebeslied aus seiner argentinischen Heimat.
AO: Von den wirklich fesselnden historischen Handlungssträngen einmal abgesehen ? wie politisch ist NOTHING BUT MUSIC?
JL: Politisch sind wir insofern, daß wir uns nicht ins Private zurückziehen, sondern große Themen der letzten hundert Jahre auf die Bühne holen. Wir zeigen Pogrom, Flucht, Vertreibung, Exil, wir spielen mit einem gescheiterten Attentat auf Hitler und dem Sechstagekrieg. Und wir enden mit einer Utopie ? dem Wiederaufbau des geplünderten Museums in Bagdad.
SB: Wenn 60 Jahre nach Kriegsende junge und alte Musiker und Schauspieler aus neun Ländern und drei Religionen in Mitteleuropa zusammenkommen, um in einem theatralischen Entwurf nicht das Trennende, nicht das Böse, nicht das Destruktive, sondern die gemeinsame Heimat in der Musik zu betonen ? dann ist das die politischste Aussage, die ich mir denken kann.
BESETZUNG

Raúl Alvarellos-Benaria Flöte, Saxophon, Baßklarinette, Klavier
Avi Avital / Jens-Uwe Popp Mandoline, Gitarre
Wilhelm Beck Ned Zornig
Marta Binetti Ilja
Murat Coskun / Mahdi Milla Perkussion
Guido Jäger / Chris Lachotta Kontrabass
Meike Kircher Esther
Anas Ouriaghli Benjamin
Jenny Reuter Milena
Katy Schröder Melody
Leonid Semenov Tadeusz
Enrique Ugarte/ Christian Ludwig Mayer Akkordeon, Klavier
Konrad Wipp Stanislawski
und Petra Einhoff / Axel Meinhardt
sowie
Giora Feidman Klarinette
Regie Stephan Barbarino
Arrangements Sergei Abir
Musikalische Leitung Enrique Ugarte
Bühne Gretl Kautzsch
Kostüme Mark Späth
Choreographie Verena Weiss
Tangos und Training Marta Binetti
Dramaturgie Jan Linders
INHALT
NOTHING BUT MUSIC
erzählt in acht Bildern eine theatralische Wanderung ? rund um die Welt und durch das 20. Jahrhundert. Die Klezmorim, die Wandermusiker des europäischen Ostens, werden in alle Welt getrieben und tragen ihr Lebensgefühl mit sich. Ihre Melodien von Sehnsucht und Heimweh, von Hoffnung in der Verzweiflung mischen sich mit der Musik der Fremde: mit Jazz und Tango, deutscher Volksmusik und orientalischen Klängen. Ausgangs- und Endpunkt der Reise ist ein Depot für Kisten und Koffer, für Requisiten des 20. Jahrhunderts, für Modelle von Hoffnung und Erinnerung.
KISCHINOW 1903 Im Moment ihres Verschwindens erscheint die Welt des Schtetls. Für die Luftmenschen Osteuropas ist Musik ein Lebensmittel. Auf einer traditionellen Hochzeitsfeier kulminieren Witz und Lebensfreude, bis ein Pogrom die Juden aus ihrer Heimat vertreibt.
SOUTHAMPTON 1912 Im Hafentrubel träumen Auswanderer 1912 von der Neuen Welt.
BUENOS AIRES 1923 Im Bordell ist der Tango der Weg, zu zweit einsam zu sein.
NEW YORK 1932 In einem Jazz-Club ist Musik das letzte, unpfändbare Mittel der Mittellosen.
MÜNCHEN 1939 In der Höhle des Löwen, im Münchner Bürgerbräukeller kurz vor dem gescheiterten Attentat auf Hitler, haben auch böse Menschen Lieder.
SHANGHAI 1948 Die Stadt in China ist der einzige für Emigranten ohne Visum offene Ort. Ein heimatloser Weiser philosophiert über die Musik des Nichts.
TEL AVIV 1967 Bei einer Probe für das Militärensemble singen Rekruten um ihr Leben.
BAGDAD 2035 Im geplünderten Nationalmuseum kann eine Melodie das Zerschlagene zusammenfügen. Die Reise hat ihr utopisches Ziel erreicht: Nichts als Musik.

erzählt in acht Bildern eine theatralische Wanderung ? rund um die Welt und durch das 20. Jahrhundert. Die Klezmorim, die Wandermusiker des europäischen Ostens, werden in alle Welt getrieben und tragen ihr Lebensgefühl mit sich. Ihre Melodien von Sehnsucht und Heimweh, von Hoffnung in der Verzweiflung mischen sich mit der Musik der Fremde: mit Jazz und Tango, deutscher Volksmusik und orientalischen Klängen. Ausgangs- und Endpunkt der Reise ist ein Depot für Kisten und Koffer, für Requisiten des 20. Jahrhunderts, für Modelle von Hoffnung und Erinnerung.
KISCHINOW 1903 Im Moment ihres Verschwindens erscheint die Welt des Schtetls. Für die Luftmenschen Osteuropas ist Musik ein Lebensmittel. Auf einer traditionellen Hochzeitsfeier kulminieren Witz und Lebensfreude, bis ein Pogrom die Juden aus ihrer Heimat vertreibt.
SOUTHAMPTON 1912 Im Hafentrubel träumen Auswanderer 1912 von der Neuen Welt.
BUENOS AIRES 1923 Im Bordell ist der Tango der Weg, zu zweit einsam zu sein.
NEW YORK 1932 In einem Jazz-Club ist Musik das letzte, unpfändbare Mittel der Mittellosen.
MÜNCHEN 1939 In der Höhle des Löwen, im Münchner Bürgerbräukeller kurz vor dem gescheiterten Attentat auf Hitler, haben auch böse Menschen Lieder.
SHANGHAI 1948 Die Stadt in China ist der einzige für Emigranten ohne Visum offene Ort. Ein heimatloser Weiser philosophiert über die Musik des Nichts.
TEL AVIV 1967 Bei einer Probe für das Militärensemble singen Rekruten um ihr Leben.
BAGDAD 2035 Im geplünderten Nationalmuseum kann eine Melodie das Zerschlagene zusammenfügen. Die Reise hat ihr utopisches Ziel erreicht: Nichts als Musik.